Der Tag, als Thielicke zu den Gabys ging

Mttwoch nachmittag wollte sich das erweiterte Leitungsteam unseres Anarchistenstammtisches zur Supervision im Café Blümel treffen. Während ich auf die anderen wartete, sah ich durchs Fenster Rosie und ihren neuen Lebenspartner, der, nachdem sie ihm an irgendeinem Rosenmontag aus Jux den linken Trommelstock gemopst hatten, seine Lehre als Schlagzeuger geschmissen hat. Jetzt ist er Dirigent und arbeitet fürs philharmonische Heeresorchester Costa Rica. Weil Costa Rica keine Armee hat, ist er ganz zufrieden mit dem Job.

Als Rosie mit ihm durch die Tür trat, kam ihr Wirtsfrau Viola mit zornrotem Kopf entgegen. Sie rannte Rosie fast über den Haufen und schlug die Tür dermaßen energisch hinter sich zu, daß das Echo nicht nur die grünen Würfel in den Duchampschen Artefakten auf der Herrentoilette erzittern ließ, sondern die gesamte Fidicinstraße runter und rauf hallte, von der KfzVersicherungsmeile bis zum Seniorenhaus Richard Weiß mit poppigem Sargschaufenster schräg gegenüber.

»Warum ist Viola denn so rot im Gesicht?«, fragte Rosie wenige Sekunden später, nachdem Hausdackel Milli Vanilli ihren Neuen zur Begrüßung herzlich in die linke Bügelfalte gebissen hatte.

»Weil wir uns gerade nicht grün sind«, seufzte Willi.

»Hast du wieder blau gemacht?«

Er schüttelte den Kopf. Es schien eine ernste Sache zu sein. Willi holte Luft und begann zu erzählen: Alles hat begonnen, als die Gabys im Februar des Jahres 2004 im Wasserturm auftraten. »Man gönnt sich ja sonst nix«, entschuldigte sich Willi Thielicke, der Chef vom Café Blümel. Also hatte er mit seiner Frau Viola Spätschicht gegen Frühschicht getauscht. Was so ungewöhnlich nicht war.

Doch seit jenem Samstagabend hatte Willi so ein verträumtes Glitzern in den Augen. Als ob das Leben für ihn plötzlich um sieben Dimensionen reicher geworden wäre. Auch die Musik im Café hatte sich verändert seit dem denkwürdigen Damenkonzert: Außer Montag (= Ruhetag) fand nämlich jeden Nachmittag um 16 Uhr im Café Blümel so etwas wie eine »assoziative Reaktion« statt – wie es der Nervenarzt Dr. Alfred Döblin vom Krankenhaus am Urban einmal formulierte, der gerade Famula cand. med. Erna Reiß einen erfolgreichen Heiratsantrag machte. Willi also warf kurz nach Betreten seines Kaffeehauses sofort den CDSpieler an und startete die Spätschicht mit dem Blockflötenintro von »Smoke On The Water«. Erinnerungsselig begann er zu lächeln, sobald die verführerische Damenkapelle den DeepPurpleSong anstimmte. Dackel Milli Vanilli hatte dabei knurrig die Ohren angelegt und war genau wie Viola eifersüchtig auf sämtliche sieben Frauenparkplätze, die die Gabys durch ihr Livekonzert in Willis schwergewichtigem Exboxerherzen erobert hatten. Ja, und dann hatte Willi irgendwann auch noch ganz begeistert erzählt, daß die Gabys sogar in Peking aufgetreten waren. Und als dann noch ein Gast dazwischenredete und sich höflich als IM Paul Cassirer von der GEMA vorstellte, da hatte Viola erst mal genug gehabt.

»So«, erzählte Willi, »hat das angefangen«. Gerade war er mit seiner kleinen Erzählung am Ende, da kam Viola wieder rein und sagte: »Und damit du dich schon mal drauf einstellen kannst: Nächsten Mittwoch tausch ich meine Spätschicht gegen deine Frühschicht. Da bin ich nämlich am Abend weg nach Dresden. Da ist ein Konzert im Alten Schlachthof.«

»Was gibts denn?« fragte Willi verknittert und zerdattert. Viola nahm erstmal Platz, lehnte sich genüßlich an die Wand, kraulte Milli Vanilli zwischen den dreieckigen Hängeohren und flötete: »Die Chippendales.«

Quelle: Witzels Geschichten, Kreuzberger Chronik

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